50 days ago·u/Thin-Programmer-4276·r/mauerstrassenwetten·eine_ki_hat_mich_in_eine_sechsstellige·Fällige Sorgfalt (DD)·B
# Eine KI hat mich in eine sechsstellige Umschichtung hineingeredet. Dann habe ich nachgerechnet und nichts gemacht.
*Flair: Fällige Sorgfaltspflicht*
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**Zusammenfassung für die Ungeduldigen:** Ich wollte wissen, wo mein Depot in acht Jahren steht. Dabei ist rausgekommen, dass meine Aktienquote 11 Prozentpunkte höher war als gedacht, meine "Diversifikation" im Crash nicht funktioniert, und dass die Sache, über die ich am längsten gegrübelt habe, das Ergebnis um genau einen Prozentpunkt bewegt. Umgeschichtet habe ich nichts. Bester Trade des Jahres.
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## Wie ich hier gelandet bin
Angefangen hat es damit, dass ich morgens gefragt habe, was an der Börse los war. Zwei Stunden später hatte ich eine Analyse über Abschreibungszyklen bei Rechenzentren, drei Stunden später eine Monte-Carlo-Simulation mit 200.000 Pfaden, und irgendwann dimensionierte ich allen Ernstes eine Umschichtung im niedrigen sechsstelligen Bereich.
Jeder einzelne Schritt war logisch. Die Kette war eine Katastrophe. Wer sich lange genug mit einem Risiko beschäftigt, hält es irgendwann für wahrscheinlich. Das ist keine Analyse, das ist ein Kaninchenbau mit Excel.
Was mich rausgeholt hat, war nicht Nachdenken, sondern Messen. Hier die Sachen, bei denen ich falsch lag.
## 1. Ich wusste nicht, wie viele Aktien ich habe
Ich halte unter anderem sogenannte Return-Stacked-Fonds. Kurz erklärt: Ein investierter Euro liefert dort gleichzeitig zwei Sachen, zum Beispiel 1 € S&P 500 **und** 1 € Trendfolge, über Futures finanziert. Klingt nach Gratis-Mittagessen, ist es nicht, aber die Konstruktion ist real.
Das Problem: In meiner Depot-Tabelle hatte ich das Kapital anteilig auf Kategorien verteilt. 50 % Aktien, 50 % Trend. Damit halbiert man sein ausgewiesenes Aktienrisiko, ohne eine einzige Aktie verkauft zu haben.
Richtig geht es mit einer Zeile pro Renditequelle und einem **Multiplikator** statt einem Anteil:
| Position | Wert | Sleeve | Faktor | Notional |
|---|---|---|---|---|
| RSST | 14.600 | Aktien | 100 % | 14.600 |
| RSST | 14.600 | Trend | 100 % | 14.600 |
| GDE | 5.100 | Aktien | 90 % | 4.600 |
| GDE | 5.100 | Gold | 90 % | 4.600 |
| LEAP-Call | 5.100 | Aktien | 187 % (Delta) | 9.600 |
Die Notional-Spalte **muss** über 100 % rauskommen. Wenn eure Tabelle sauber auf 100 % aufgeht und ihr habt Hebel oder Optionen im Depot, dann rechnet ihr euch arm an Risiko.
Ergebnis bei mir: ausgewiesene Aktienquote von 51 % auf **62,7 %**. Ohne einen einzigen Trade.
Bonusfalle: Optionen. Mein LEAP stand mit 1 % Depotanteil in der Tabelle und trägt bei Delta 0,85 fast das Doppelte des eingesetzten Kapitals an Aktienexposure. Wer Optionen hält und sie mit Kapitalwert verbucht, weiß nicht, was er anhat.
## 2. Fondsnamen lügen. Nicht absichtlich, aber trotzdem.
RSSY hatte ich unter "Diversifikation" abgelegt, weil im Namen *Futures Yield* steht. Sind 100 % S&P 500 plus 100 % Carry. GDE steht bei allen unter Gold — ist zu 90 % Aktien.
Und dann die größere Nummer: Mein kompletter Diversifikations-Topf, also Value-ETF, Dividenden-ETF, REITs, Energie, besteht zu 100 % aus Aktien. Diversifiziert gegen mein Tech-Klumpenrisiko? Ja. Diversifiziert gegen Aktienrisiko? Offensichtlich nein. Für eine Verlustobergrenze zählt nur das Zweite.
## 3. Der Trick, mit dem man sieht, was ein gestapelter Fonds wirklich liefert
Weil so ein Fonds `Basis + Overlay` ist, zieht man das Overlay einfach ab:
```
Trend = RSST − SPY
Carry = RSSY − SPY
Arb = RSBA − GOVT
```
Das ist die echte Zusatzrendite, nach Kosten, nach Umsetzung, aus eurem eigenen Fonds. Nicht aus dem Prospekt.
Bei mir über knapp drei Jahre: Trend **−1,96 %** p.a., Carry **−6,11 %** p.a., Merger Arbitrage +1,84 %.
An dieser Stelle war ich kurz davor, alles hinzuwerfen. Dann kam Punkt 4.
## 4. Drei Jahre Daten sind kein Beweis, sondern ein Würfelwurf
Bootstrap auf dieselben Zahlen:
| Leg | Punktwert | 90 %-Intervall |
|---|---|---|
| Trend | −1,96 % | **[−11,3 % , +8,3 %]** |
| Carry | −6,11 % | **[−16,9 % , +7,6 %]** |
| Arb | +1,84 % | [−0,7 % , +4,8 %] |
Übersetzt: Meine gemessene Trend-Prämie liegt irgendwo zwischen "katastrophal" und "hervorragend". Ich hätte auf Rauschen eine echte Entscheidung gebaut.
Mit langer Historie sieht es anders aus. Managed-Futures-Fonds ab 2010 liefern im Median **+2,4 % p.a. über Cash**, und im Jahr 2022 lagen acht von neun zwischen **+20 % und +42 %**. Das Zeug funktioniert. Man kann es nur nicht in einem Zeitraum ohne Crash messen.
Nebenbefund, der mir zu denken gab: Zwischen den Anbietern derselben Strategie liegen über dieselben 35 Monate **zehn Prozentpunkte** Unterschied. DBMF +6,4 %, WTMF −0,3 %. Wenn drei eurer Fonds denselben Verwalter haben, habt ihr keine Diversifikation, sondern dreimal dieselbe Wette.
## 5. Diversifikation ist Schönwetter-Diversifikation
Mein Tech-Buch gegen Value/REIT/Energie: Korrelation **0,37**. Sehr schön, dachte ich.
Dann dieselben Positionen auf Tagesbasis:
| Stichprobe | Korrelation |
|---|---|
| alle 1.144 Tage | 0,42 |
| Tage mit −1,5 % oder schlechter | 0,52 |
| Tage mit −2,5 % oder schlechter | **0,69** |
Und mit Langhistorie-Proxies über 263 Monate: 0,75 im Schnitt, **0,93 in der Finanzkrise**.
Der einzige Befund, der zu meinen Gunsten ausfiel, war genau der, der verschwindet, wenn man ihn braucht. Wer nur die normale Korrelation kennt, misst seine Absicherung im Zustand, in dem er sie nicht benötigt.
## 6. Anleihen sichern keine Aktien mehr ab
| Zeitraum | SPY vs. TLT |
|---|---|
| 2003–2007 | −0,14 |
| 2008–2012 | −0,33 |
| 2013–2019 | −0,28 |
| 2020–2021 | −0,25 |
| **2022–heute** | **+0,57** |
Vier Perioden negativ, eine positiv, und die positive läuft seit vier Jahren. Alles, was ihr über 60/40 gelernt habt, ist auf dem anderen Regime kalibriert.
## 7. Der Teil, der weh tut
Ich habe stundenlang über die Trend-Annahme diskutiert. Dann die Attribution gerechnet: Die Trend-Prämie auf null zu setzen verschiebt meine Erfolgswahrscheinlichkeit um **einen** Prozentpunkt. Weil Trend 4,3 % des Depots ist. Mathematisch konnte das nie relevant sein.
Was tatsächlich wirkt:
- **Wie viel Geld ich einzahle.** Größter Einzelhebel, mit Abstand.
- **Welche Aktienrisikoprämie kommt.** 2 % gegen 5 % verschiebt das Ergebnis von 37 % auf 55 % Zielwahrscheinlichkeit. Weiß niemand.
- **Die Währung.** Mein Depot ist zu 100 % in Dollar, mein Leben in Euro. Kostet allein 13 Prozentpunkte Zielwahrscheinlichkeit, und ich hatte es acht Runden lang gar nicht modelliert.
Man optimiert die Nachkommastellen und übersieht die erste Stelle.
## 8. Und ja, die KI hat auch Mist erzählt
Ich hatte um konsenskritische Antworten gebeten. Ergebnis: Runde für Runde wurde systematisch die Bärenseite starkgemacht, und keinem von uns fiel die Schlagseite auf. Dazu kamen mehrere sehr selbstbewusst vorgetragene Fehler — eine erfundene Krisen-Korrelationsmatrix, die echte Daten widerlegten, eine Behauptung über negative Prämien, die der eigene Bootstrap zerlegte, und ein Skriptfehler, der eine Trendrendite von +16 % ausgab.
Aufgefallen ist das alles erst beim Messen. Wer sich von so einem Ding beraten lässt und die Zahlen nicht selbst nachrechnet, bekommt eine sehr überzeugend formulierte Meinung und hält sie für ein Ergebnis.
## Fazit
Aktienquote 62,7 statt 51. Diversifikation funktioniert genau bis zu dem Tag, an dem sie soll. Wahrscheinlichkeit, meine eigene Verlustobergrenze zu reißen: gestiegen von 10,8 % auf 22,3 %, allein durch bessere Zahlen.
**Umgeschichtet habe ich nichts.** Ich weiß jetzt nur, was ich halte. Klingt nach wenig, ist aber mehr als vorher.
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**Positionen:** breit gestreut über Einzelaktien, ETFs und die oben genannten gestapelten Fonds. Keine Empfehlung, keine Beratung, ich bin kein Finanzberater und ihr solltet niemandem im Internet zuhören, mir am wenigsten.
*Skripte teile ich gern, Python mit yfinance, rechnet Betas, Bootstrap und bedingte Korrelationen aus euren eigenen Positionen.*